Peter Jägersberger

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Biografie

Geboren in Puchberg am Schneeberg, ist er ein Energiebündel und Improvisationstalent. Neben dem Gesang sind seine Instrumente Gitarre, Kontrabass, Posaune und Bariton, womit er für musikalische Darbietungen der Extraklasse sorgt. Neben seiner musikalischen Tätigkeit widmet sich der vielseitige Künstler der Fotografie und der Poesie. 

Seine Gedicht- und Fotobände: “Vierzig Jahre für den Arsch” sowie  “Einsichten und Ansichten” können unter seiner Email-Adresse bestellt werden.

 

Auszug aus den Werken von Peter Jägersberger

  • Der arbeitslose Dompteur

    Endlich ist er wieder da! Jedes Jahr warten schon tausend leuchtende Kinderaugen auf das Aufstellen des riesigen Zirkuszeltes am Rathausplatz in Wien. Genau - der Zirkus Roncalli ist wieder in der Stadt. Die schweren Wohnwagen werden zentimetergenau platziert, Eisennägel so groß wie Heugabeln in den Asphalt gerammt. Um sie werden die ersten armdicken Taue geschlungen, an welchen endlich das große Zirkuszelt hochgezogen wird. Unzählige Helfer arbeiten Hand in Hand, ein eingespielter Rhythmus, ein eingespieltes Team. Zirkusdirektor Bernhard Paul hält bereits im Cafe-Wagen Hof, Fragen von Journalisten und Reportern beantwortet. Ständig klingelt das Telefon, ein Treiben und Laufen, ein Werken und Dirigieren - ein Laie hätte längst den Überblick verloren.

    Am Tag der Premiere zeigen sich viele Prominente, Selfies werden geschossen, Fotografen lichten die Stars und Starletts ab, selbst ernannte Zirkuskenner bewundern die im Schaukasten abgelichteten Attraktionen, es wird gelacht, gestaunt, applaudiert und bewundert. Jeder der gesehen werden will drängt sich nach vorne, man(n) muss zeigen, dass man da ist, ein richtiger Zirkus eben...

    Ich hatte keine Karten für die erste Vorstellung und kam auch am Tag der Abendvorstellung recht spät auf den herrlichsten Platz Wiens. Das Rathaus war von unzähligen Kandelabern hell erleuchtet und bot eine unbeschreibliche Kulisse, die nur noch vom bunten Zirkusvolk übertrumpft wurde.

    Gleich beim Eingang, dort wo man die Eintrittskarten, die genau nummeriert sind, herzeigen muss, stand eine aufreizend gekleidete Zirkusprinzessin, und ihr gegenüber ein etwas mürrisch dreinschauender, hagerer Mann, dem das Leben viele Furchen ins Gesicht geschnitten hatte. Vom linken Auge über die Wange war deutlich eine bereits gut verheilte, tiefe Narbe sichtbar. Aber den kenne ich doch, dachte ich mir beim Annähern. Normalerweise hätte mich die leicht bekleidete Dame mehr interessiert - als der Kartenabreißer plötzlich auf mich zukam und mir um den Hals fiel. Jetzt erst erkannte ich ihn. Pierre Bezzolini, zumindest hatte er sich in Paris immer so genannt, für mich war er immer der Hermann Bezzold aus Dresden, ein vor Jahren sehr bekannter Tigerdompteur, fiel mir fast um den Hals. Wie es mir gehe, ob ich noch immer so gerne Los Vascos Grande Reserve trinke und und und... „Sag einmal Pierre“, kam ich endlich zu Wort, „der Roncalli arbeitet doch jetzt ohne Tiere. Was machst du denn hier?“ Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich merklich. „Wenn du so direkt fragst...ich habe vierundzwanzig Jahre mit den Tigern gearbeitet. Meine Show, und du kennst sie sicher noch vom Zirkus France de Nationale, war die spektakulärste der Welt.“ Seine Augen nahmen einen fast unwirklichen Glanz an. „Dann kam dieser Unfall - auf der Autobahn. Ich wollte noch zwei verletzte Tiere retten - leider nahmen sie meine Hilfe nicht an, die Narbe im Gesicht ist verheilt, die im Herzen wird sich nie schließen. Bernhard Paul hat mich damals aufgenommen, ich verrichte jetzt kleine Hilfsdienste, außer dem Zirkus habe ich ja nichts...“ Wir plaudern noch über alte Zeiten, im Zelt beginnt die Musik zu spielen, er packt mich am Arm, zieht mich zu meinem Platz und wünscht mir einen schönen Abend. Ich bedanke mich mit gesenkten Augen und nehme zur Kenntnis, wie schnell man vom gefeierten Star zum Kartenabreißer avanciert - aber nichts wäre schrecklicher, als kein Teil mehr vom Zirkus zu sein...

  • Schlaf

    Ich schlafe gerne. Nicht um mich auszuruhen - ich brauche wenig Schlaf. Aber um mich von meiner Umwelt entfernen zu können, ohne dass dies bemerkt wird. Als Kind verdeckt man die Augen mit der Hand - und wird plötzlich selber nicht mehr gesehen. Man verschließt die Augen und ist auch -scheinbar - für andere unsichtbar.

    Genauso ergeht es mir mit meinem Schlaf.

    Ich schließe die Augen - und flüchte in meine eigene Welt. Keine Aufgaben erschweren mehr mein Gemüt, keine Anforderungen, die das Leben stellt, dringen mehr zu mir durch. Sobald ich meine schweren Lider niedersenke, verliere ich jeden Bezug zur Realität. Meine Gewissenskonflikte, etwas nicht getan, erreicht oder vollendet zu haben, verschwinden. Ich habe plötzlich die Gewissheit, niemandem mehr Rechenschaft ablegen zu müssen, was sich vor meinen geschlossenen Augen abspielt. Sofort beginnt die Reise in ein von mir gewähltes Land, einen von mir gewählten Zustand oder einer von mir gewählten Situation.

    Ich entschwinde in meine eigene Phantasie. Ich lasse alles zurück, was von mir zu irgendeiner Zeit verlangt, gefordert oder erwartet wurde. Ich schließe die Augen - und niemand hat einen Zugang zu mir, mich um etwas zu bitten, etwas zu erwarten oder etwas für selbstverständlich anzusehen - wenn ich es nicht selber zulasse. Meine Umwelt wird mit einem Augenblick abgetrennt und zum ,Draußenbleiben verbannt. Hinter meinen Lidern spielen sich nur mehr die Szenen ab, die ich zulasse oder herbeidenke. Ich brauche niemandem Rechenschaft ablegen über das von mir zu Erträumende, über Spiele, an denen ich nach dem Augenaufschlag nur sehr schwer teilnehme, kann, über Landschaft, die ich auf Grund meiner körperlichen Konstitution nicht mehr - oder nur sehr schwer werde erreichen können, über Liebschaften, die ich nur in meiner Phantasie ausleben kann, über Dialoge, die ich in Ermangelung eines gleichwertigen Gegners nie führen kann, über Welten, die noch nicht einmal geboren wurden, über Zweisamkeiten, deren Vertrautheiten mir im wahren Leben den Atem nehmen würden. Sobald ich die Augen schließe, fällt eine Filmklappe und meine persönliche, ganz intime Unterhaltungsserie beginnt.

    Es ist jedes Mal wie ein Verlassen - nicht um zu Schlafen - sondern um zu flüchten.

    Ich glaube, vielen Menschen ergeht es heute genauso. Man ist überfordert, wird mit Informationen überflutet, deren Wahrhaftigkeit niemand mehr zu durchschauen vermag. Täglich prasseln neue Schlagzeilen auf uns ein, deren Verarbeitung unser Gehirn zwar angehalten ist, Betrachtungsweisen und Auseinandersetzungen darüber sind schon wieder nicht gewünscht - und meist auch nicht möglich. Face-book, Twitter und andere Soziale Medien gaukeln uns vor, Freunde zu haben, mit ihnen in den Diskurs eintreten zu können und ihre Meinung zu uns wichtigen Dingen zu erfahren. Es stellt sich aber heraus, dass ein gepostetes Katzenfoto mehr Likes erhält wie eine, zugegebener Weise oft skurrile Meinung eines Jusers. Vielleicht sollten wir wieder öfters ins Kaffeehaus oder einfach vor die Türe gehen, mit den uns lieb gewonnenen Menschen reden oder ihnen einfach wieder einmal zuhören. Viele falsche Gerüchte, Diffamierungen, Unwahrheiten und Fake-News könnten dadurch schon im Keime erstickt werden.

  • Was ist gute Literatur?

    Eigentlich stellt sich hier die Gretchenfrage - kann man schlechte von guter Literatur trennen - darf man Texte beurteilen - und in welchem Zusammenhang stehen die Kriterien, die wir anwenden, um eine Unterscheidung auch wirklich zu begründen? Ich sitze jeden Abend bei irgend einem Buch und lese einige Seiten, bevor ich mich dem Schlaf zuwende.

    Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich entweder schon nach wenigen Seiten aufgebe -oder aber, die Zeit rinnt mir zwischen den Zeilen davon und ich kann mich einfach nicht abwenden von meiner Lektüre. Sind es die Stimmungen, die vom Schreiber erzeugt werden, spannende Schilderungen von Landschaften, Auseinandersetzungen, zwischenmenschliche Dialoge, obskure Schilderungen fiktiver Welten, mitleiderregende Einblicke in menschliche Seelen? Ist es die Wortwahl, die mich die Sätze leichter lesen lässt oder die mich ab und zu dazu nötigt, ein Wörterbuch oder eine virtuelle Enzyklopädie heranzuziehen, um das Gelesene auch zu verstehen? Viele Geschichten, Romane, Berichte und Krimis kommen mit relativ wenigen Worten (ein gutes Buch hat zwischen 70.000 und 120.000 Wörter) aus. „Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe Richtigen, ist derselbe Unterschied wie zwischen einem Blitz und einem Glühwürmchen.“ sagte einst Mark Twain - und ich gebe ihm recht. Klare Strukturen tragen ebenfalls dazu bei, ein Buch leichter zu lesen beziehungsweise einen Text besser verstehen zu können.

    Ich kann auch gut mit makroskopischen Beschreibungen leben, wo auf 320 Seiten geschildert wird, warum das Licht an einem Sommerabend anders auf die Wellen des Sees fällt wie an einem verschneiten Winter -morgen und die dadurch entstehende Stimmung des Protagonisten entweder himmelhoch jauchzend oder mördergrubentief ausfällt. Dazu braucht es aber schon eine sehr ausgefeilte Erzählkunst um den Leser nicht zu langweilen. Ich lasse mich auch immer wieder von detaillierten Schilderungen von Lebenszuständen begeistern. Zwischenmenschlichen Beziehungen und den Abgründen der menschlichen Natur. Das Wort ist das Werkzeug des Schriftstellers. Ob du das richtige Wort findest, hängt alleine von deinem Wortschatz ab.

    Also sollte es dein Bestreben sein, deinen Wortschatz täglich zu erweitern. Natürlich kannst du deinen Wortschatz erweitern, indem du Wörterbücher wälzt. Vielleicht lernst du auch ein paar tausend Synonyme auswendig. Aber das Problem bei dieser Methode ist, dass sich dein Wortschatz langsam aber sicher mit unnatürlichen Worten füllt. Wie oft hast du wohl z.B. das Wort „Pagina“ schon im normalen Sprachgebrauch benutzt, ohne dass dich dein Gegenüber verständnislos angeschaut hat? Nun mag „Pagina“ für einen Schriftsteller wie dich noch ein halbwegs gebräuchliches Wort sein. Aber dem Normalsterblichen, der am Ende dein Buch oder deinen Text lesen soll, geht es generell nicht so. Außerdem merkt der Leser meist sofort, wenn du ihm etwas vorgaukelst. Es fällt einfach auf, wenn in einem sonst sehr schlichten Satz plötzlich Fremdworte auftauchen, die absolut nicht zur übrigen Sprache passen. Frage dich zuerst immer, ob du ein Wort überhaupt leiden kannst. Wenn es dir nicht gefällt, oder du dich nicht wohl mit ihm fühlst, dann lass es draußen. Nicht nur deine Leser werden es dir danken, sondern du selbst wirst dich dadurch besser fühlen. Eine Grenze der guten Literatur gibt es für mich dann, wenn du durch deine Worte jemanden aktiv verletzt oder diffamierst. Aber im Endeffekt gilt die Freiheit des Schreibers als unantastbar. Letztlich wird dein Werk vom Leser bewertet - und dieser kann Stroh vom Weizen in den meisten Fällen sehr gut unterscheiden.